Blickwinkel

Bevor noch jemand fragt was mit dem Rohrspatz los ist, meldet sich jener hiermit wieder aus dem Urlaub zurück. Okay, nicht so ganz, immerhin sind schon mehr als 2 Arbeitswochen ins Land gegangen. Der Rohrspatz nennt sowas die inspirative Unlustphase. Aber nun ist die kreative Pause vorbei und das lose Schnabelwerk kann sich wieder seiner Lieblingsbeschäftigung widmen.

Allerdings wurde die mediale Abstinenz des Rohrspatzens in der Zwischenzeit durch einige bedauerliche Todesfälle überschattet.
Am 22. August ist Vicco von Bülow alias Loriot im hohen Alter von 87 Jahren von uns gegangen. Ein Verlust, der eine Lücke hinterlässt die wohl in den nächsten Jahrzehnten nicht zu schließen ist.

Auch Bernd Clüver ist von uns gegangen. War zwar nie meine Musik, aber ich bin damit aufgewachsen und jeder kannte die Lieder dieser Zeit, auch wenn ich kaum jemanden kenne der wirklich textsicher war. Ich habe beispielsweise immer verstanden, dass er gesungen hat: Der Junge, mit dem Hund von Monika. Sorry, Bernd.

Der letzte Todesfall in dieser Reihe lässt sich allerdings überhaupt nicht mit den ersten beiden vergleichen und fand auch mehr unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, zumal es sich hinsichtlich der Einordnung als Todesfall eher um einen Vorfall mit symbolischem Charakter handelt. Naja, und eigentlich ist auch keiner so wirklich ums Leben gekommen.

Nun denn, der Rohrspatz tut mal wieder geheimnisvoll bevor er zur Sache kommt, aber das dürfte dem treuen Leser inzwischen bekannt sein. Bevor ich also etwas weiter aushole, fangen wir mit einer einfachen Frage an. Kennen Sie den Film 8 Blickwinkel ?

Nicht? Aha.
Also, dabei gehts um ein Attentat auf den amerikanischen Präsidenten. Der Film zeigt das Attentat innerhalb eines bestimmten Zeitraumes aus verschiedenen Blickwinkeln. So erfährt der Zuschauer allmählich die Zusammenhänge.
Der Rohrspatz hat den Film einmal im Fernsehen gesehen und dieser Tage wurde er wieder daran erinnert. Davon handelt die heutige Geschichte.
Herrgot nochmal, nein nicht davon dass sich der Rohrspatz den Film angesehen hat und sich daran erinnert sondern an die Story, also den ursächlichen Zusammenhang eines vorgestellten Ereignisverlaufs zu einem bestimmten Ende. Die Handlung eben.
Es gibt in meiner Geschichte allerdings weder einen Präsidenten noch ein richtiges Attentat. Bedauerlich, aber nicht zu ändern. Es sind auch nicht mal annähernd 8 sondern nur 2 Blickwinkel und am Ende erfährt der Leser hier nicht die geringsten Zusammenhänge was unmittelbar dazu beiträgt, dass außer dem Rohrspatz auch der Leser noch mehr verwirrt sein wird als zuvor. Jedoch hat sich etwas ereignet, das es wert ist aus 2 verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet zu werden. Eben der eingangs erwähnte letzte Todesfall.

Angefangen hat unsere Geschichte vor rund 50 Jahren. Damals hat irgendwo in der tiefsten amerikanischen Provinz am Fuße der Rocky Mountains ein alter bärtiger Ranger eine junge kleine Zirbelkiefer gepflanzt. Weil wir unsere Zirbelkiefer die nächsten 50 Jahre durchs Leben begleiten werden, fangen wir hier mit ihr an. Das der Ranger älter und im Gesicht stark behaart war, soll uns an dieser Stelle aber nicht weiter interessieren, zumal der Herr auch keine weitere Rolle spielt.
Der Baum wurde liebevoll gehegt und gepflegt, regelmäßig mit klarem kühlem Quellwasser begossen und so kam es, dass er wuchs wie der Teufel.
Als er größer wurde träumte der Baum davon, eine ruhige Kugel zu schieben und vielleicht einmal ein Billardtisch zu werden. Obwohl das später einem entfernten Verwandten, dem Mahagonibaum vergönnt sein sollte, machte sich unsere Zirbelkiefer nichts daraus. Auch die Decksplanken einer Luxusyacht wären ihm angenehm gewesen. Alleine der Gedanke, von samtweicher nackter Haut diverser kaum bekleideter Badenixen gestreichelt zu werden, führte dazu, dass seine saftigsten Äste stramm wuchsen. Doch das Schicksal kannte keine Gnade und ein Teakholzbaum übernahm statt seiner diesen Job.
So nahm das Verhängnis seinen Lauf und nachdem unsere Zirbelkiefer mit viel Brimborium im Sägewerk gelandet war, hat man nur einen dämlichen Liegestuhl aus seinem edlen Holz gebaut. Eines Tages findet sich der Liegestuhl in einem drittklassigen Baumarkt wieder und schämt sich in Grund und Boden weil ihn so viele Leute anglotzen und begrapschen. Bevor er jedoch weiter darüber nachdenkt, nehmen ihn irgendwelche Leute mit zu sich nach Hause.

Hier beginnt nun unser erster Blickwinkel, die Geschichte aus der Sicht des Stuhles.

Ich stehe seit Wochen Wind und Wetter ausgesetzt auf einer Terrasse hinter dem Haus. Irgendwo in der Nähe muss eine Montgolfiade stattfinden, denn sobald die Sonne scheint, schwebt ein riesiger farbenprächtiger Ballon herbei und verdunkelt die Sonne. Doch was zuerst als Ballon begann, entpuppt sich leider immer wieder als breiter Hintern, der in einen 128-farbigen Kaftan gehüllt und mit leuchtendgrünen Jesuslatschen bekleidet auf mich herniederplumpst. Der Ballonhintern stellt einen nervtötenden brüllenden Kasten auf und aus der Küche kommt ein Duft, der nach etwas Unbestimmten riecht. Was auch immer es einmal war, es muss zuvor schon mindestens drei Wochen tot im Gebüsch gelegen haben und ich fühle mich etwas verkrampft um die Astlöcher. Vor allem als der Ballonhintern wegen der Hitze anfängt außen feucht zu werden und sich noch das Aroma von Korn und Kümmerling mit dem restlichen Odeur der Umgebung mischt. Aber die Vögel bleiben dadurch aus und der Ballonhintern ist so nett und verdeckt sein Gesicht mit einem Buch und hin und wieder mit einer Zeitschrift. Gott hat echt einen schrägen Humor, aber dass er mich dem Modell für Gesichtswurst zugeteilt hat, werde ich ihm nie verzeihen. Aus dem brüllenden Kasten schreien wildfremde Leute mir unverständliches Zeug. Das einzige was ich halbwegs verstehe ist break together. Irgendwann kann ich nicht mehr und ächze unter dieser mir aufgebürdeten Last. Der bunte Ballonhintern wälzt sich hin und her, schwitzt und riecht wie ein Grizzly im Schritt. Mir wird schlecht. Ich folge dem Rat aus dem brüllenden Kasten. Ich muss brechen.

Unspektakulär? Klar, aber warten Sie den zweiten Blickwinkel ab. Dieses mal aus der Sicht des in den bunten Kaftan gekleideten Ballonhintern.

Seit der Sommer angefangen hat, liege ich jeden Tag in meinem supergeilen und sauteuren chaise longue de soleil aus irgend so einem abgefahrenen Edelholz das außer mir kein Schwein kennt und irgendwo aus Amerika oder so herkommt. Es gibt doch nichts besseres, als in diesem Luxusteil zwei oder drei Stunden über die Hausarbeit nachzudenken und dabei entspannt auf der Terrasse de maison zu faulenzen, während ich andere für mich schuften lasse. Ich sag ja immer: Wenn es Brei regnet, muss man seinen Löffel dabei haben. Tres bien.
Mein Mann hat mir Bücher und Zeitungen besorgt und darin habe ich eine total geile zum Himmel schreiend grelle Vorlage für eine absolut irre Designervogelscheuche gefunden, aber anstatt die im Garten aufzustellen, kleide ich mich jetzt lieber selber so. Es wirkt, denn die verdammten Vögel machen einen Bogen um mich und kacken längst nicht mehr so oft auf den Liegestuhl, vor allem wenn ich drauf liege. Nicht auszudenken, wenn die auch noch auf das teure Holz scheißen würden. Oder den Stoff, den Bunten. Merde.
Wenn nur diese glühende Sonne nicht wäre. Vielleicht hätte ich doch besser einen luftigen Stoff für den Kaftan genommen und auf das verdammte Polyester verzichtet. Ich tropfe wie ein Kieslaster weil ich wie ein trächtiger Eisbär nach einem 250 Kilometer Fußmarsch in der Sahara schwitze und dieser verdammte Likör beruhigt vielleicht den Magen aber nicht den Kopf. Manchmal habe ich das Gefühl, als müsste ich nach einer Flasche von dem Zeug schon kotzen. Von dem Gesöff bin ich kurz eingeschlafen. Das Geplärr im Radio hat mich aufgeweckt, aber natürlich zu spät. Der verschissene Braten im Ofen ist auch bestimmt verbrannt, so wie es qualmt.
Seit ein paar Tagen höre ich immer öfter sowas wie ein Knirschen im Gebälk, vor allem wenn ich länger auf dem Holzstuhl liege obwohl der doch mindestens 150 Kilo aushalten soll. Ey, echt ich schwör, ich hab nur 149 Kilo. Dieser billige Scheißstuhl kommt wohl doch aus China oder der Inneren Mongolei. Fuck. Jedenfalls scheint er mich nicht mehr auszuhalten und während diese Erkenntnis langsam in mir reift, knackts und der Mist Stuhl bricht einfach so zusammen. Fuck, fuck, fuck. Ich habs gleich gewusst, dass der nix taugt. Billiges Sperrholz, von wegen Baumarkt und so. Der nächste wird aus Eisenbahnschienen zusammen geschweißt. Zu allem Überfluss habe ich mir auch noch die Gurke angestoßen und die schwillt gerade an wie eine Aubergine. So ein verschissener Scheiß Tag und das alles nur wegen dem verschissenen Scheiß Stuhl. Fuck.

Und der Rohrspatz? Ist froh, dass ihn die Geschichte nicht an das Flammende Inferno erinnert hat.

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