Operation Frühjahrsputz

Seit Tagen scheint die Sonne und lädt dazu ein, sich den Pelz rösten zu lassen. Die Osterferien sind da, alles packt und verreist, nur der Rohrspatz – so scheints – bleibt daheim in seinem Nest.
Meine Güte, wo die Leute so alles hin fahren. Nach Bayern, Italien, in die Bretagne, an die Adria, nach Schottland, nach Sachsen, Ungarn, Barcelona und Paris, Brüssel, L.A., London. Sogar Koblenz und Buxtehude werden nicht verschont.

Die einen kommen gerade von einer Schiffsreise vom Nordkap zurück, mit Bildern im Gepäck, die so einladend sind, dass man selbst mal eben mit dem Schiff die Hurtigruten Tour machen möchte, alleine wegen dem Essen an Bord. Andere fahren lieber ins Warme und machen Mittelamerika unsicher. Früher war so was ja mehr was für Abenteurer und Entdecker. Heutzutage kann sich das zwar immer noch nicht jeder leisten, aber es kommen schon mehr Leute dorthin. Und wieder zurück, was die Hauptsache ist.

Und ich? Der Rohrspatz? Von wegen Zugvogel.
Fahre ich etwa zum Shoppen nach New York? Oder Marbella? Nö, bei mir heißt das Shoppen immer noch Einkaufen und findet nach wie vor im Nachbarort statt. Wäre ja auch vollkommen bescheuert, für einen Kasten Limo nach Manhattan. Ansonsten hocke ich an diesem Wochenende putzend in meinem Nest und davon handelt der heutige Blogbeitrag.

Der Tag beginnt mit wachsender innerer Unruhe und keiner Ahnung woher jene stammt. Es ist 6 Uhr 30 am Samstag Morgen und die Vögel brüllen ihre Morgenarien. Scheinbar hat von den Kollegen da draußen noch niemand was von der Story mit dem frühen Vögel und dem Wurm gehört. Wenn die so einen Lärm veranstalten, fangen die im Leben nix.
Egal, der Hund vom Rohrspatz kann auch nicht mehr schlafen. Hier liegts weniger am Gezwitscher draußen, sondern mehr am akuten Harndrang. Der Rohrspatz muss auch mal, also raus aus den Federn und ab in die Pampa. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wenn es beim Rohrspatz heißt, raus aus den Federn, dann meinte ich damit die Bettdecke. Natürlich geht der Rohrspatz nur ganz selten nackt vor die Tür. Um die Zeit ist sowieso noch kein Mensch unterwegs, also würde das auch kaum für Furore sorgen. Am Wochenende müssen die meisten Hunde scheinbar erst später. Und selbstverständlich benutzt der Rohrspatz für sich selbst zu diesem Zweck das eigene Klo.
Hach ist das ein geiles Wetter. Wenn jetzt noch Georghe Zamfir auf seiner Pan Flöte im Hintergrund dudelt, ist die Welt beinahe perfekt. Nach einer guten Stunde und unzähligen beschnüffelten Grasbüscheln hat der Hund keine Lust mehr und will wieder heim auf die Couch. Und was macht der Rohrspatz mit dem angefangenen Tag? Erst mal deftig frühstücken und Kaffee trinken und die Zeitung vom Nachbarn lesen. Wenn man die richtig faltet, merkt der das nie.
Tja, und dann gehts los. Die Operation Frühjahrsputz muss Generalstabsmäßig geplant und organisiert werden. Heute ist zudem noch der Hausflur und die Waschküche mit dran. Erst das Treppenhaus saugen, dann putzen, Keller und Waschküche sind auch auf Spinnweben zu kontrollieren. Die Waschmaschine darf in der Zwischenzeit auch aktiv sein. Nachdem das erledigt ist, werden die Böden in der Wohnung komplett gesaugt und geputzt. Während der Trockenphase eben schnell einkaufen fahren. Muss eine Hose umtauschen und im Bad ist gestern abend beim Duschen der Schlauch von der Dusche geplatzt, der muss auch ersetzt werden. Noch Leergut wegbringen und neue Getränke holen, dann im Eiltempo wieder nach Hause.
Nachdem die Einkäufe verstaut sind, der Schlauch gewechselt und die Hose von siebentausend Etiketten befreit ist, gehts ans Fensterputzen.
Meine Güte, wenn ich die Sau erwische, die immer an den Scheiben rumschmiert, dann….

Wissen Sie übrigens, das man beim Fensterputzen unbedingt einige ganz wichtige Dinge beachten muss?
Sauberer Eimer und warmes Putzwasser? Lappen geeignet und Fensterleder geschmeidig? Umweltfreundlicher Reiniger?
Quatsch. Ich möchte lieber gar nicht wissen, wie Ihre Fenster aussehen, scheinbar fehlt Ihnen ein bisschen die Routine.

Ganz wichtig: Sie müssen rechtzeitig damit anfangen, aber zuvor mit viel Getöse, geschäftigen Schrubberklappern und Eimergeschubbse den Hausflur auf Vordermann bringen. Am besten noch irgendeine schräge, sich ständig wiederholende Melodie pfeifen. Musikalisch total falsch natürlich. Oder Sie grölen TNT von AC/DC, während das zeitgleich auf ihrer 1000 Watt Stereoanlage im Wiederholmodus läuft. Solange sie putzen. Und mit voller Lautstärke. Anlage und Gesang. In Mehrfamilienhäusern sollten Sie zusätzlich noch den Bass ganz weit aufdrehen und den Subwoofer Richtung Hausflur drehen. Auf keinen Fall dürfen Sie vergessen, zwischendurch mal die Haustür lautstark zu zuknallen. Erwähnte ich bereits, dass Sie zuvor noch mit Ihrem leistungsstarken Turbo-Staubsauger den Grobschmutz von der Treppe entfernen sollten?
Das hebt die Stimmung und die Nachbarn freuen sich, weil Sie um halb 7 Uhr am Samstag schon so fleißig sind. Und so wird auch gewährleistet, dass die lieben Mitbewohner garantiert mitbekommen, dass Sie ihren Part vom Putzplan abgearbeitet haben.
Jetzt können Sie sich bei einer Tasse Kaffee ein wenig Zeit lassen und ausruhen bevor Sie mit dem Fenster putzen weiter machen.
Die Nachbarn müssen ja erst mal in aller Ruhe, ähem, aufstehen und frühstücken. Jetzt wo Sie schon mal dafür gesorgt haben, dass sie auch wach sind.
Denn erst wenn Sie mitbekommen, dass die ersten Nachbarn für den Wochenendeinkauf das Haus verlassen, dürfen Sie sich um die Fenster kümmern, hier müssen Sie unbedingt genau darauf achten den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Daher gilt: Vorbereitung ist alles. Also Eimer bereithalten und schon mal das Fenster öffnen. Übrigens: Ich putze ja immer mit Sonnenbrille. Grundsätzlich. Bringt ja nix, bei Regen die Scheiben zu reinigen, also macht man es bei Sonnenschein. Und weil sich die Sonne im Glas spiegelt, wird man geblendet und ist nach 3 Minuten ebenso blind wie Stevie Wonder. Ich warte grundsätzlich, bis Nachbarn an der Putzstelle vorbeikommen und hauche in dem Augenblick die Scheibe an und simuliere das angelegentliche Entfernen von hartnäckig angetrockneten Vogelschiss. In dem Moment wo der Nachbar vorbeikommt, müssen Sie sich räuspern, damit auch gewährleistet ist, dass Sie bemerkt werden. Ich hebe dabei die Sonnenbrille leicht an, untersuche den imaginären Fleck und tue ganz überrascht so, als würde ich den Nachbarn nur zufällig bemerken. Noch besser ist es, wenn die Gattin des Nachbarn vorbeikommt. In dem Fall müssen Sie beim Anheben der Sonnenbrille den kleinen Finger leicht schwul abspreizen. Dabei entwickelt sich seit Lebzeiten folgender Dialog.

Rohrspatz: Moin.
Nachbarin (bleibt stehen): Moin. Na, Fenster am putzen?
Rohrspatz: Yep. Platz machen für neuen Dreck.
Nachbarin: Warum tragen Sie eine Sonnebrille beim Fenster putzen?
Rohrspatz: Die Sonne spiegelt sich in den sauberen Scheiben.
Nachbarin (Blickt seufzend zum Himmel): Bei dem Wetter müsste ich auch wieder mal ran.
Rohrspatz (ebenfalls mit Blick zum Himmel): Bei meinem Glück gibts heute noch Regen. Dann trete ich mit der Nummer in Afrika auf.
Zwanghaftes Gelächter.
Nachbarin: Wenn Sie fertig sind, können Sie bei mir weiter machen.

Wenn der Satz kommt, höre ich meistens nicht mehr hin. Dieser Satz kommt immer wenn man unangenehme Dinge erledigt wie Müll raus tragen, Flur putzen, Auto waschen, Hausarbeit im Allgemeinen, aber NIE beim Bier trinken oder fummeln.

Nachdem die Fenster nun sauber sind, kommen die diversen Möbel noch dran. Meine Möbel bestehen zum großen Teil aus schwarzen Glas und Chromteilen. Diese Oberflächen sind die Lieblingspielsachen von meinem Hund, ganz besonders der Tisch und die mit Klavierlack überzogenen Lautsprecherboxen. Auf den Tisch lässt sich prima niesen und die Boxen müssen einmal täglich mit der feuchten Hundenase angestubbst werden, damit Herrchen auch wirklich mitbekommt, dass Hund spielen oder Leckerchen möchte oder der Ball mal wieder unterm Schrank liegt. Da unterm Schrank liegt nicht nur der Ball, sondern auch so viel Staub, dass man annehmen muss, dass seit Beginn der modernen Zeitrechnung die hiesigen Einäscherungen genau hier in diesem Raum statt gefunden haben. Und dann die schwarzen Glastüren. Das der Hunderotz so hartnäckig klebt macht mich wahnsinnig. Während ich also die Glastüren schrubbe, zwickt mich der Hund andauernd in den Allerwertesten und niest wiederholt auf den frisch geputzten Tisch. Was für ein Spaß.

Inzwischen ist die Waschmaschine mit der ersten Ladung fertig. Während ich die Handtücher aufhänge, frage ich mich wieso ich die überhaupt wasche. Ich nehme doch an, dass ich sauber bin, wenn ich mich nach dem Duschen abtrockne. Unterdessen trifft mein Vermieter ein und verkündet freudestrahlend die frohe Botschaft, dass er die Satellitenschüssel neu ausgerichtet hat. Jetzt sind endlich die Störsignale weg. Das Bild und der Ton auch. Zu seinem Glück kommt in diesem Moment der Gärtner vorbei und teilt uns mit, dass er heute den Garten auf Vordermann bringt.

Am Nachmittag war dann der Fernsehtechniker da und hat die Schüssel wieder richtig eingestellt. Während ich mich noch über das gestochen scharfe Fernsehbild freue, meldet sich wieder der Vermieter bei mir um mir mitzuteilen, dass er dabei ist die Hausfassade mit dem Gartenschlauch abzuspritzen und ich besser später die Fenster putze.

Ich beschließe, am nächsten Wochenende um halb 6 den Flur zu putzen.

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